Kompetenzbereiche: Wissen und Verstehen; Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen; Kommunikation und Kooperation; Wissenschaftliches Selbstverständnis/Professionalität.
Die Studierenden können durch die Teilnahme an der Veranstaltung die Begriffe und Konzepte von Eigensinn, Selbstbestimmung und Autonomie verstehen und hinsichtlich ihrer Relevanz für eine teilhabeorientierte Soziale Arbeit einordnen. Sie können die im Rahmen der Veranstaltung erlernten grundlegenden Begriffsbestimmungen, theoretischen Erklärungen und empirischen Befunde auf die lebensweltlichen Kontexte von Adressat*innen übertragen. Sie können die Anforderungen und Herausforderungen benennen, die sich für die Soziale Arbeit mit Blick auf verschiedene Zielgruppen und Handlungskontexte ergeben, und diese kritisch bewerten.
Angaben zum Inhalt
Eigensinn, Selbstbestimmung und Autonomie sind Begriffe und Konzepte, die in der Sozialen Arbeit vielfach verwendet und zumeist als positive Referenzpunkte professionellen Handelns verstanden werden. So findet sich etwa im Konzept der Lebensweltorientierung die Forderung, den Eigensinn in der Alltagsführung von Menschen anzuerkennen und ihn nicht durch paternalistische professionelle Deutungsmuster zu kolonialisieren (vgl. Thiersch 2018, S. 19). Eigensinn lässt sich als eine oftmals impulsive, selten rationale Reaktion auf Erfahrungen der Missachtung und Fremdbestimmung verstehen, mit der Menschen nach Handlungsfähigkeit streben (vgl. Marquardsen 2025). Das macht Eigensinn insbesondere im Kontext der Bewältigung kritischer Lebensereignisse zu einem relevanten Phänomen. Als ethisch-normativer Bezug für die Soziale Arbeit taugt Eigensinn indes nicht, denn Eigensinn lässt sich weder einfordern noch befördern. Im Unterschied dazu ist der Begriff der Selbstbestimmung mit der Vorstellung und Forderung verbunden, dass alle Menschen ein Leben in Würde und Teilhabe führen können. In dieser Forderung steckt bereits die Abgrenzung und Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, die Menschen ein solches selbstbestimmten Leben verwehren. Diese Verhältnisse gilt es so zu gestalten, dass für alle Menschen ein Leben in Selbstbestimmung möglich ist. Der Begriff der Autonomie geht insofern noch weiter, als er nicht nur die Autonomie der Einzelnen in den Blick rückt, sondern auch die radikale Utopie einer Gesellschaft offeriert, eines „Typus von gesellschaftlichem Sein, das seine eigenen Gesetze, seine eigene bestehende Ordnung bewusst reflektieren und verändern und ständig die Frage: ‚Warum dieses Gesetz und nicht ein anderes?’ offen halten kann.“ (Wolf 1998, S. 107). Ziel der Veranstaltung ist es, diese und weitere Verständnisse der Begriffe Eigensinn, Selbstbestimmung und Autonomie in den Blick zu nehmen und sie hinsichtlich ihrer Bedeutung für eine teilhabeorientierte Soziale Arbeit zu reflektieren.
Marquardsen, Kai (2025): Armut, Biografie, Eigensinn, erscheint in: Leßmann, Ortrud/Marquardsen, Kai (Hrsg.): Armutsforschung. Theoretische Ansätze, empirische Zugänge, politische Perspektiven, Baden-Baden.
Thiersch, Hans (2018): Verstehen – lebensweltorientiert, in: Wesenberg, Sandra/Bock, Karin/Schröer, Wolfgang (2018): Verstehen. Eine sozialpädagogische Herausforderung, Weinheim/Basel, S. 16-32.
Wolf, Harald (1998): Die doppelte Institution der Arbeit und ihre Kritik, in: Hirsch-Kreinsen, Hartmut/Wolf, Harald (Hrsg.): Arbeit, Gesellschaft, Kritik: Orientierungen wider den Zeitgeist, Berlin, S. 101-132.
Auswahl (Basisliteratur wird zu Beginn des Semesters bekanntgegeben)
Krähnke, Uwe (2007): Selbstbestimmung. Zur gesellschaftlichen Konstruktion einer normativen Leitidee, Göttingen: Velbrück
Lüdtke, Alf (1993): Eigen Sinn: Fabrikalltag, Arbeitserfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg: Ergebnisse Verlag.
Marquardsen, Kai (2011): Eigenverantwortung ohne Selbstbestimmung? Zum Verhältnis von „Autonomie“ und Heteronomie in der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik. In: Prokla, 41 Jg., Heft 2, S. 231-251.
Marquardsen, Kai/Scherschel, Karin (2022): Eigensinn und Armut – Bewältigungsstrategien am Rande der Gesellschaft, in: Marquardsen, K. (Hrsg.): Armutsforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden: Nomos Verlag, S. 533-548.
Wolf, Harald (1999): Arbeit und Autonomie. Ein Versuch über Widersprüche und Metamorphosen kapitalistischer Produktion, Münster: Westfälisches Dampfboot