Lehrveranstaltung


Allgemeine Informationen
Sozialraumorientierung – Relational gedacht
Social environment orientation - the relational perspective
5.27.44.0
Dr. Modrow, Kirsten (kirsten.modrow@haw-kiel.de)
In der Regel jedes Semester
Deutsch
Zuordnung dieser Veranstaltung zu Modulbeschreibungen und deren Studiengangszuordnungen

Module, in denen diese Lehrveranstaltung zur Wahl steht


Modul Studiengang Vertiefungsrichtung Schwerpunkt Fachsemester
Konzeptionelle Übungen im Schwerpunkt Soziale Hilfen
Practice seminars in social services
B.A. - BASA - Soziale Arbeit (PO 2017/2019 V6) Soziale Hilfen
Kompetenzen / Lernergebnisse
Kompetenzbereiche: Wissen und Verstehen; Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen; Kommunikation und Kooperation; Wissenschaftliches Selbstverständnis/Professionalität.
Die Studierenden lernen unterschiedliche Ansätze relationaler Sozialtheorien kennen (u.a.
Frank Früchtel, Marco Schmitt, Björn Kraus, Harrison White, Iris Clemens) und können
diese vor dem Hintergrund von Sozialraumorientierung auf die sozialpädagogische Praxis
übertragen. Sie lernen die Bedeutung nicht-professioneller Unterstützungsleistungen und
heterogener Netzwerke als Kern einer gelingenden sozialraumorientierten Sozialen Arbeit
kennen. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf die jeweiligen
Identitätskonstruktionen in Hilfesettings, auf die Bedeutung reziproker Beziehungen und
möglichen Nebenwirkungen (u.a. Galuske, Habermas) Sozialer Arbeit gerichtet.
d
Angaben zum Inhalt
Frank Früchtel (2016) unterscheidet zwischen objektiv Sozialem und relational Sozialem. Am Beispiel
von Inklusion subsummiert er unter objektiv Sozialem eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in
der Gesellschaft und gleiche Zugänge zu Arbeit, Wohnen und kulturellen Angeboten. Relational
gedacht begreift er Inklusion als einen interaktiven Prozess, der immer wieder in gemeinsamen
Zusammenkünften, Handeln und Verhandeln entsteht und wieder zerfällt.
Das Soziale ist hier ein permanentes Berührungs- und Versammlungsgeschehen. Inklusion ist
in dieser Vorstellung keine Norm, kein Zustand, kein Ideal, sondern die Bewegung neuer
provisorischer Assoziationen. Sozialarbeit, die dieses inklusionsgeschehen unterstützen
wollte, wäre ein mühseliger und aufwändiger Versammlungsprozess, der Orte und Menschen
zu verknüpfen versteht. In dieser relationalen Form Sozialer Arbeit „existiert“ das Soziale
nicht, sondern ihm wird immer wieder zur Existenz verholfen. Existieren ist dann nicht eine
Tatsache des Vorhandenseins, sondern eine Tätigkeit des Ermöglichens (Früchtel 2016, S. 22).
Ausgehend von einem Verständnis einer relationalen sozialen Arbeit kann auch das Verhältnis von
Lebenslage und Lebenswelt als ein reziproker, relationaler Prozess bestimmt werden. Björn Kraus
folgend meint Lebenswelt die subjektive Wirklichkeit, die sich daraus ergibt, was und wie wir unsere
Umwelt wahrnehmen. Er beschreibt Kognition im Sinne des konstruktivistischen Diskurses als
operational geschlossenen Prozess, der keinen direkten Zugang zur äußeren Umwelt besitzt, sondern
nur zum eigenen Bewusstsein, d.h., subjektive Wahrnehmungen werden in unserem Bewusstsein
abgebildet und sind nicht objektiv oder real. Dem gegenüber unterscheidet er Lebenslage als
existierende Realität, die ermöglichende und behindernde Bedingungen für die Konstruktion von
Lebenswelt schafft. Damit grenzt er sich von dem Vorwurf der Beliebigkeit subjektiver
Wirklichkeitskonstruktionen ab. Er bezieht sich dabei auf das Konzept der Viabilität von Glasersfeld,
das besagt, dass Wirklichkeitskonstruktionen der Realität nicht entsprechen müssen, ihr aber auch
nicht widersprechen dürfen (vgl. Kraus 2017, S. 96).
Dem anschließend können auch Identitätsbildungen als relationale Prozesse gedacht werden.
Harrison White spricht von Verdichtungen von Kontrollverstrickungen, „Identitäten befinden sich in
einem fortwährenden, zirkulären Prozess mit Kontrollbemühungen (vgl. Schmitt 2017, S. 87). Kontrolle versucht, transaktional gedacht Unsicherheit zu reduzieren, die Identitätsbildung ist eine
Folge von Unsicherheitsreduktion, die an Komplexität gewinnt, da weitere Kontrollebenen
hinzukommen. Demzufolge stehen sich Identitäten von professionell Helfenden und Hilfesuchenden
in einem Wechselwirkungsprozess gegenüber und nehmen Einfluss auf die gegenseitigen
Identitätskonstruktionen. Was hat das für Auswirkungen vor dem Hintergrund von Nebenwirkungen
Sozialer Arbeit in Netzwerken von Hilfebedürftigen mit einem hohen Anteil an professionell
Helfenden und welche möglichen Antworten hält das Fachkonzept Sozialraumorientierung von
Wolfgang Hinte bereit.
Clemens, Iris (2015): Erziehungswissenschaft als Kulturwissenschaft. Die Potentiale der
Netzwerktheorie für eine kulturwissenschaftliche und kulturtheoretische Ausrichtung der
Erziehungswissenschaft. Weinheim und Basel: Beltz Juventa
Clemens, Iris (2016): Netzwerktheorie und Erziehungswissenschaft. Eine Einführung. Weinheim und
Basel: Beltz Juventa
Früchtel, Frank (2016): Was ist „Relationale Sozialarbeit“? In: Früchtel, Frank/ Straßner, Micha/
Schwarzloos, Christian (Hrsg.): Relationale Sozialarbeit. Versammelnde, vernetzende und kooperative
Hilfeformen. Weinheim und Basel: Beltz Juventa
Fürst, Roland/ Hinte, Wolfgang (Hg.): Sozialraumorientierung 4.0. Das Fachkonzept: Prinzipien,
Prozesse & Perspektiven. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Kraus, Björn (2017): Manifest für einen Relationalen Konstruktivismus. Zur Konvergenz einer
relational-konstruktivistischen Erkenntnistheorie und einer Relationalen Soziologie. In: Löwenstein,
Heiko/ Emirbayer, Mustafa (Hrsg.): Netzwerke, Kultur und Agency. Problemlösungen in relationaler
Methodologie und Sozialtheorie. Weinheim Basel: Beltz Juventa
Schmitt, Marco (2017): Relationale Theoriebildung. Zum Verhältnis von Emirbayers relationalem
Manifest und Whites Theorie von Identität und Kontrolle. In: Löwenstein, Heiko/ Emirbayer, Mustafa
(Hrsg.): Netzwerke, Kultur und Agency. Problemlösungen in relationaler Methodologie und
Sozialtheorie. Weinheim Basel: Beltz Juventa
Lehrform
Lehrform SWS
Seminar 2
Prüfungen
Prüfungsform Dauer Gewichtung wird angerechnet gem. § 11 Satz 2 PVO Benotet Anmerkung